Seine Büchersammlung

Das bleibende, bis heute als Teil der Stiftsbibliothek in Zeitz bewahrte Vermächtnis von Julius Pflug ist seine einzigartige Bibliothek. Sie gehört europaweit nicht nur zu wenigen, nahezu vollständig erhaltenen Privatbibliotheken des Reformationszeitalters.

Sie ist auch eines der wenigen Beispiele, dass sich der Bücherbesitz eines der herausragenden Theologen dieser Zeit erhalten hat. So gehört zu der Bibliothek Pflugs u.a. eine der größten zeitgenössisch zusammengetragenen Sammlungen an Drucken der Werke Martin Luthers.

Die gewaltige, ursprünglich rund 1.000 Bände bzw. fast 2.000 Drucke umfassende Büchersammlung, die Julius Pflug neben seinem umfangreichen schriftlichen Nachlass als Teil seiner beweglichen Habe 1564 in Zeitz hinterließ, geht auf ihn selbst zurück. Sie ist das Ergebnis gezielter Sammeltätigkeit, die sich über nahezu fünf Jahrzehnte erstreckte. Die Bibliothek, von der sich bis heute nahezu 900 Bände mit nahezu 1.700 Drucken in Zeitz erhalten haben, ist eine für die Zeit hochmoderne, alle Wissensbereiche abdeckende Sammlung. Zusammengetragen von einer der zentralen Persönlichkeiten des Reformationszeitalters, widerspiegelt ihr Profil auf nahezu einzigartige Art und Weise einmal mehr die über den mitteldeutschen Raum an epochalen Umbrüchen, Verwerfungen und Kontroversen reiche politische und kirchenpolitische Entwicklung in den beiden ersten Dritteln des 16. Jahrhunderts.

Die Zahl der Inkunabeldrucke und mittelalterlichen Handschriften, die sich nachweislich in Pflugs Besitz befanden, ist gering. Doch gehören hierzu einige sehr seltene Stücke. Ein Beispiel dafür ist eine kleine Papierhandschrift mit zwei naturwissenschaftlichen Abhandlungen über die Meteorologie und die Mineralogie des herausragenden deutschen Theologen und Philosophen Albertus Magnus. Angelegt hat sie 1485 in Zabern/Saverne (Elsaß) der Arzt Michael Foresius. Den Höhepunkt bildet aber ein kurz nach 820 in Mainz entstandenes Evangeliar, das einen der Forschung bislang unbekannten althochdeutsch-lateinischen Text enthält, die ebenfalls noch in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts hier niedergeschriebene Zeitzer Beichte.

In der Bibliothek dominieren die zeitnahen Ausgaben, die Pflug, beginnend in seiner Studienzeit, im Verlauf seines Lebens sukzessive erwarb bzw. die er als Geschenk erhielt. Damit vermag die Sammlung nicht nur Zeugnis abzulegen über das Achtung gebietende, gleichermaßen durch die Anforderungen des Amtes wie auch persönliche Interessen diktierte Spektrum, mit dem sich Pflug im Lauf seines Lebens auseinandersetzte bzw. auseinanderzusetzen hatte. Es ist, wie neben den literarischen Zueignungen die ungezählten handschriftlichen, bislang erst ansatzweise gewürdigten Widmungen eindrucksvoll vor Augen führen, auch ein Abbild des die engen Grenzen seiner unmittelbaren Wirkungsstätte(n) sprengenden, die führenden Köpfe seiner Zeit vereinigenden Kreises, in dem sich Pflug zeitlebens bewegte und intellektuell zu Hause fühlte. So übersandte ihm 1531 der früh verstorbene Schüler und Freund Georg Haloander, der ihm bereits 1529 ein Werk des griechischen Philosophen und Stoikers Epiktet zugeeignet hatte, seine eben erst in Nürnberg gedruckte griechisch-lateinische Erstausgabe der auf Befehl Kaiser Justinians gesammelten Kaisergesetze. Wohl ebenfalls 1531 erhielt Pflug, um noch ein Beispiel anzuführen, von Martin Luther, der sich an anderer Stelle rühmend über Pflug äußerte, die Erstausgabe seiner deutschsprachigen Psalterauslegung. Wie Haloander, so stammte auch der bekannte, hier praktizierende Arzt Janus Cornarius aus Zwickau, der sich als Übersetzer griechischer Werke einen Namen machte. In Basel erschien 1551 die von Cornarius verantwortete griechische Erstausgabe der Werke des Basilius Magnus, die Cornarius Pflug zueignete und 1552 zusammen mit der eben erschienenen lateinischen Übersetzung Pflug überreichte.

Erzeugnisse aus nahezu allen namhaften in- und ausländischen Druckereien seiner Zeit nannte Pflug sein eigen.

Bei den Werken des römischen und Kirchenrechts dominieren die modernen Folio- und Quartausgaben aus Lyon, bei dem aktuellen, den interkonfessionellen Auseinandersetzungen geschuldeten theologischen Schrifttum hingegen in Wittenberg, Leipzig, Nürnberg, Augsburg, Ingolstadt, Regensburg, Mainz, Köln, Straßburg oder Basel zum Druck gebrachten Werke der Protagonisten beider Seiten und ihrer Schüler bzw. Anhänger von Thomas de Vio, Johannes Cochlaeus, Hieronymus Emser, Kaspar Schatzger, Jakob Ziegler, Hieronymus Dungersheim und Johannes Eck über Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Agricola bis hin zu Johannes Brenz, Martin Bucer, Heinrich Bullinger und Huldrich Zwingli. Ebenfalls Basler Pressen entstammen die Ausgaben der Kirchenväter, antiker Autoren und zeitgenössischer Gelehrter, mit denen Pflug in vielen Fällen korrespondierte und Schriften austauschte. Um nur einen zu nennen, sei hier auf den großen Gelehrten Desiderius Erasmus von Rotterdam verwiesen. Besonders reich ist Pflugs Sammlung an Aldinen, den bereits zu Lebzeiten Pflugs geschätzten und gesuchten Drucken antiker griechischer und römischer Autoren aus der Offizin des in Venedig druckende Aldus Manutius und seines Sohnes Paolo.

Zeugnis einer über die Jahrzehnte hinweg ungebrochenen, von hohem Eifer und Anspruch gekennzeichneten intensiven Lektüre sind die nahezu allen Bänden in unterschiedlichem Umfang eignenden handschriftlichen Anmerkungen Pflugs. Mal sind es Korrekturen, mal Quellenangaben und Querverweise, mal kurze Zusammenfassungen, mal kritische Anmerkungen und Entgegnungen. Ihre Fortsetzung finden die Anmerkungen in dem schriftlichen, erst ansatzweise wissenschaftlich erschlossenen Nachlass, der sich zu großen Teilen ebenfalls in Zeitz erhalten hat, darunter Briefe, zahlreiche Manuskripte Pflugs sowie Aufzeichnungen Pflugs zum politischen und kirchenpolitischen Tagesgeschehen. Er umfasst ca. 500 Bände. Hierzu gehört u.a. das während der 14. Sitzungsperiode Ende 1550 auf den Konzil von Trient entstandene Tagebuch Pflugs, daneben Aufzeichnungen Pflugs zu den verschiedenen Religionsgesprächen der vierziger Jahre. Nachlass und Bibliothek unterstreichen deutlich den hohen Stellenwert, den Pflug seiner Büchersammlung beimaß. Für ihn war sie gleichermaßen Arbeitsinstrument und Ort der Zerstreuung. Ausdruck verleihen diesem Charakter die Einbände, die der Diktion der Zweckmäßigkeit unterlagen. Anfänglich sind es meist einfache, von Pflug mit Rückentiteln versehene Pergamenteinbände, seit den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts dann verstärkt auch mit verschiedenen Rollen- und Plattenstempeln verzierte gekennzeichnete Rindsledereinbände. Viele dieser Bände tragen als Besitzvermerk das Monogramm "I.E.N.", aufgelöst und übersetzt "Julius Naumburger Bischof" , einige wenige einen kunstvollen Plattenstempel mit dem Wappen, das Pflug als Naumburger Bischof führte.

Seine Bibliothek übereignete Pflug 1563 testamentarisch seinen Nachfolgern auf dem Naumburger Bischofsstuhl. Dabei legte er fest, dass der Bestand in Zeitz, der Residenz der Naumburger Bischöfe, aufzustellen sei. In das Erbe traten zunächst die sächsischen Kurfürsten in ihrer Funktion als Administratoren der ehemaligen Naumburger Diözese sein. Auf Bitte des Naumburger Domkapitels fiel die Büchersammlung als Grundstock der modernen Stiftsbibliothek zusammen mit dem literarischen Nachlass kurz nach 1590 an das Naumburger Domkapitel, in dessen Besitz die Sammlung sich bis heute befindet.

Heute bildet Pflugs einzigartige Bibliothek neben der Domherrenbibliothek und der Büchersammlung der Naumburger Bischöfe das Herzstück der Zeitzer Stiftsbibliothek im Torhaus der Moritzburg.