Bischof Julius Pflug

Der letzte katholische Bischof des Bistums Naumburg und Vordenker der Ökumene

Als Ratgeber und Diplomat am Dresdner Hof, als von Kaiser Karl V. und der päpstlichen Kurie für die Verhandlung mit der evangelischen Seite bestimmter Kirchenmann war Pflug an den entscheidenden Entwicklungen seiner Zeit maßgeblich beteiligt. Durch sein weites, ganz Europa überspannendes Beziehungsnetz stand er im Austausch mit den wichtigsten Persönlichkeiten seiner Epoche, u. a. mit Philipp Melanchthon. Aufgrund seines vermittelnden und stets am Gedanken der christlichen Einheit orientierten Wirkens kann Pflug als einer der wichtigsten Vordenker der Ökumene gelten.

Als letzter katholischer Bischof bestieg Julius Pflug 1547 den Naumburger Bischofsstuhl. Er gehörte jener Gelehrtengeneration an, die, im Herzen von einem tiefen, durch Erasmus von Rotterdam geprägten Humanismus erfüllt, in den Strudel des Reformationszeitalters gerissen wurde.

Wie Melanchthon, der sich im Unterschied zu Pflug den Lehren Martin Luthers anschloss und später dessen schweres Erbe antrat, sollte auch Pflug als Vertreter der katholischen Seite ab Ende der dreißiger Jahre des 16. Jahrhunderts zunehmend eine führende Rolle spielen. So war es Pflug, der als Hoffnungsträger beider Parteien in den vierziger Jahren maßgeblich für das Zustandekommen des Interims verantwortlich zeichnete. Doch blieb ihm der Lohn für sein Streben versagt, der auf einen Ausgleich zwischen den Konfessionen abzielte. Wie sein Gegenüber Melanchthon scheiterte er an den unüberbrückbaren politischen und kirchenpolitischen Differenzen seiner Zeit.

Leben und Werk

Von kleiner Statur und hager, entstammte der hochgebildete Julius Pflug einer weitverzweigten und einflussreichen sächsischen Adelsfamilie. Geboren wurde er 1499 in der Nähe von Leipzig. Bereits früh stand fest, dass er Jurist werden und eine geistliche Laufbahn einschlagen sollte.

Seine akademische Karriere begann 1510 mit seiner Immatrikulation in Leipzig. Von hier wechselte Pflug 1517 nach Bologna in Italien, wo er sich bis 1529 wiederholt für längere Zeit aufhielt. In der Zwischenzeit erreichte ihn 1522 ein Ruf als Rat des Albertiners Herzog Georg des Bärtigen. Am Leipziger Oberhofgericht wirkte er von 1522 bis 1524. Parallel dazu trat er in ertragreiche geistliche Pfründen in Zeitz, Merseburg und Meißen ein, denen weitere Kanonikate in Naumburg und Mainz folgten.

Zum Zeitzer Propst stieg er 1531 auf, zum Domdekan in Meißen 1537. Doch scheiterte der Versuch Georgs des Bärtigen, Pflug 1535 zum Merseburger Bischof zu machen. 

Anfang 1541 wählte das Naumburger Domkapitel Julius Pflug einstimmig zum neuen Bischof. Die Wahl nahm Pflug, der sich wegen der unsicheren politischen und kirchlichen Verhältnisse zunächst Bedenkzeit erbat, schließlich Anfang 1542 an. Doch dauerte es noch mehrere Jahre, bis er sich gegen seinen Gegenspieler, den auf Betreiben des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich von Martin Luther im Januar 1542 in Naumburg als ersten evangelischen Bischof der Welt eingeführten Theologen Nikolaus von Amsdorf durchsetzen konnte. Erst im Zuge des Schmalkaldischen Krieges gelang es ihm, sein Bistum in Besitz zu nehmen.

Dem Naumburger Bistum stand Pflug, der auch weiterhin an kirchen- und reichspolitischen Fragen aktiv Anteil nahm, bis 1564 vor. Dazu gehörte auch seine reiche literarische Tätigkeit. Innerhalb des Bistums galten seine Hauptanstrengungen neben dem Versuch, den Einfluss des Protestantismus zurückzudrängen, der Reform des Klerus sowie der Reorganisation der kirchlichen Verwaltung.

Angesichts der politischen bzw. kirchenpolitischen Kräfteverhältnisse im Bistum bzw. im mitteldeutschen Raum blieben Pflug in seinen Jahren als Bischof durchschlagende Erfolge versagt. Das führte schließlich dazu, dass der Reformeifer, mit dem Pflug noch Ende der vierziger Jahre angetreten war, Ende der fünfziger Jahre zusehends erlahmte. Als letzter Naumburger Bischof verstarb Julius Pflug 1564 in Zeitz. Er wurde im Dom der Moritzburg zu Zeitz beigesetzt.

Seine Büchersammlung als Teil der Stiftsbibliothek Zeitz

Das bleibende Vermächtnis von Julius Pflug ist seine einzigartige Bibliothek. Sie gehört europaweit zu den wenigen, nahezu vollständig erhaltenen Privatbibliotheken des Reformationszeitalters. Zu der Bibliothek Pflugs gehören u. a. eine der größten zeitgenössisch zusammengetragenen Sammlungen an Drucken der Werke Martin Luthers sowie Werke der herausragenden Theologen dieser Zeit.

Die gewaltige, ursprünglich rund 1.000 Bände bzw. fast 2.000 Drucke umfassende Büchersammlung, die Julius Pflug neben seinem umfangreichen schriftlichen Nachlass als Teil seiner beweglichen Habe 1564 in Zeitz hinterließ, geht auf ihn selbst zurück. Sie ist das Ergebnis gezielter Sammeltätigkeit, die sich über nahezu fünf Jahrzehnte erstreckte.

Die Bibliothek, von der sich bis heute knapp 900 Bände mit circa 1.700 Drucken in Zeitz erhalten haben, ist eine für die Zeit hochmoderne, alle Wissensbereiche abdeckende Sammlung. Zusammengetragen von einer der zentralen Persönlichkeiten des Reformationszeitalters, widerspiegelt ihr Profil auf nahezu einzigartige Art und Weise einmal mehr die über den mitteldeutschen Raum an epochalen Umbrüchen, Verwerfungen und Kontroversen reiche politische und kirchenpolitische Entwicklung in den beiden ersten Dritteln des 16. Jahrhunderts.

Die Zahl der Inkunabeldrucke (Drucke vor 1500) und mittelalterlichen Handschriften, die sich nachweislich in Pflugs Besitz befanden, ist gering. Doch gehören hierzu einige sehr seltene Stücke. Ein Beispiel dafür ist eine kleine Papierhandschrift mit zwei naturwissenschaftlichen Abhandlungen über die Meteorologie und die Mineralogie des herausragenden deutschen Theologen und Philosophen Albertus Magnus. Angelegt hat sie 1485 in Zabern/Saverne (Elsass) der Arzt Michael Foresius. Den Höhepunkt bildet aber ein kurz nach 820 in Mainz entstandenes Evangeliar, das einen der Forschung bislang unbekannten althochdeutsch-lateinischen Text enthält, die ebenfalls noch in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts hier niedergeschriebene Zeitzer Beichte.

In der Bibliothek dominieren die zeitnahen Ausgaben, die Pflug, beginnend in seiner Studienzeit, im Verlauf seines Lebens sukzessive erwarb bzw. die er als Geschenk erhielt. Damit vermag die Sammlung nicht nur Zeugnis abzulegen über das Achtung gebietende, gleichermaßen durch die Anforderungen des Amtes wie auch persönliche Interessen diktierte Spektrum, mit dem sich Pflug im Lauf seines Lebens auseinandersetzte bzw. auseinanderzusetzen hatte. Es ist, wie neben den literarischen Zueignungen die ungezählten handschriftlichen, bislang erst ansatzweise gewürdigten Widmungen eindrucksvoll vor Augen führen, auch ein Abbild des die engen Grenzen seiner unmittelbaren Wirkungsstätte(n) sprengenden, die führenden Köpfe seiner Zeit vereinigenden Kreises, in dem sich Pflug zeitlebens bewegte und intellektuell zu Hause fühlte. So übersandte ihm 1531 der früh verstorbene Schüler und Freund Georg Haloander, der ihm bereits 1529 ein Werk des griechischen Philosophen und Stoikers Epiktet zugeeignet hatte, seine eben erst in Nürnberg gedruckte griechisch-lateinische Erstausgabe der auf Befehl Kaiser Justinians gesammelten Kaisergesetze.

Wohl ebenfalls 1531 erhielt Pflug, um noch ein Beispiel anzuführen, von Martin Luther, der sich an anderer Stelle rühmend über Pflug äußerte, die Erstausgabe seiner deutschsprachigen Psalterauslegung. Wie Haloander, so stammte auch der bekannte, hier praktizierende Arzt Janus Cornarius aus Zwickau, der sich als Übersetzer griechischer Werke einen Namen machte. In Basel erschien 1551 die von Cornarius verantwortete griechische Erstausgabe der Werke des Basilius Magnus, die Cornarius Pflug zueignete und 1552 zusammen mit der eben erschienenen lateinischen Übersetzung Pflug überreichte.

Erzeugnisse aus nahezu allen namhaften in- und ausländischen Druckereien seiner Zeit nannte Pflug sein Eigen. Bei den Werken des römischen Kirchenrechts dominieren die modernen Folio- und Quartausgaben aus Lyon. Bei dem aktuellen, den interkonfessionellen Auseinandersetzungen geschuldeten theologischen Schrifttum hingegen in Wittenberg, Leipzig, Nürnberg, Augsburg, Ingolstadt, Regensburg, Mainz, Köln, Straßburg oder Basel zum Druck gebrachten Werke der Protagonisten beider Seiten und ihrer Schüler bzw. Anhänger von Thomas de Vio, Johannes Cochlaeus, Hieronymus Emser, Kaspar Schatzger, Jakob Ziegler, Hieronymus Dungersheim und Johannes Eck über Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Agricola bis hin zu Johannes Brenz, Martin Bucer, Heinrich Bullinger und Huldrich Zwingli.

Ebenfalls Basler Pressen entstammen die Ausgaben der Kirchenväter, antiker Autoren und zeitgenössischer Gelehrter, mit denen Pflug in vielen Fällen korrespondierte und Schriften austauschte. Um nur einen zu nennen, sei hier auf den großen Gelehrten Desiderius Erasmus von Rotterdam verwiesen. Besonders reich ist Pflugs Sammlung an Aldinen, den bereits zu Lebzeiten Pflugs geschätzten und gesuchten Drucken antiker griechischer und römischer Autoren aus der Offizin des in Venedig druckenden Aldus Manutius und seines Sohnes Paolo. 

Pflugs persönliche Schriftzeugnisse

Zeugnis einer über die Jahrzehnte hinweg ungebrochenen, von hohem Eifer und Anspruch gekennzeichneten intensiven Lektüre sind die nahezu in allen Bänden in unterschiedlichem Umfang eingebrachten handschriftlichen Anmerkungen Pflugs. Mal sind es Korrekturen, mal Quellenangaben und Querverweise, mal kurze Zusammenfassungen, mal kritische Anmerkungen und Entgegnungen.

Ihre Fortsetzung finden die Anmerkungen in dem schriftlichen, erst ansatzweise wissenschaftlich erschlossenen Nachlass, der sich zu großen Teilen ebenfalls in Zeitz erhalten hat, darunter Briefe, zahlreiche Manuskripte Pflugs sowie Aufzeichnungen zum politischen und kirchenpolitischen Tagesgeschehen. Er umfasst ca. 500 Bände. Hierzu gehört u. a. das während der 14. Sitzungsperiode Ende 1550 auf dem Konzil von Trient entstandene Tagebuch Pflugs, daneben Aufzeichnungen Pflugs zu den verschiedenen Religionsgesprächen der vierziger Jahre. Nachlass und Bibliothek unterstreichen deutlich den hohen Stellenwert, den Pflug seiner Büchersammlung beimaß. Für ihn war sie gleichermaßen Arbeitsinstrument und Ort der Zerstreuung.

Ausdruck verleihen diesem Charakter die Einbände, die der Diktion der Zweckmäßigkeit unterlagen. Anfänglich sind es meist einfache, von Pflug mit Rückentiteln versehene Pergamenteinbände, seit den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts dann verstärkt auch mit verschiedenen Rollen- und Plattenstempeln verzierte gekennzeichnete Rindsledereinbände.

Viele dieser Bände tragen als Besitzvermerk das Monogramm „I.E.N.“, aufgelöst und übersetzt „Julius Naumburger Bischof“, einige wenige einen kunstvollen Plattenstempel mit dem Wappen, das Pflug als Naumburger Bischof führte. 

Pflugs Privatbibliothek wird Teil der Stiftsbibliothek Zeitz

Seine Bibliothek übereignete Pflug 1563 testamentarisch seinen Nachfolgern auf dem Naumburger Bischofsstuhl. Dabei legte er fest, dass der Bestand in Zeitz, der Residenz der Naumburger Bischöfe, aufzustellen sei. In das Erbe traten zunächst die sächsischen Kurfürsten in ihrer Funktion als protestantische Administratoren der ehemaligen Naumburger Diözese sein. 

Auf Bitte des Naumburger Domkapitels fiel die Büchersammlung als Grundstock der modernen Stiftsbibliothek zusammen mit dem literarischen Nachlass kurz nach 1590 an das Naumburger Domkapitel, in dessen Besitz die Sammlung sich bis heute befindet.

Heute bildet Pflugs einzigartige Bibliothek neben der Domherrenbibliothek und der Büchersammlung der Naumburger Bischöfe das Herzstück der Zeitzer Stiftsbibliothek im Torhaus der Moritzburg.

Sammlung Julius Pflug digitalisiert

Im Zuge des Reformationsjubiläums 2017 schlossen sich zahlreiche Archive und Bibliotheken des mitteldeutschen Raums zusammen, um ein digitales Archiv der Reformation zu schaffen. Dokumente der Reformationsgeschichte sollten weltweit im Internet abrufbar und für Forschung und Lehre zugänglich sein. Das so entstandene Reformationsportal Mitteldeutschland wurde 2020 um eine bedeutende Sammlung erweitert: die Bestände des letzten Naumburger Bischofs Julius Pflug.

In dem Portal finden sich neben Informationen zu Julius Pflug und seinem Vermächtnis ein 3D-Raum-Modell der Stiftsbibliothek Zeitz, in dem auch das Arbeitszimmer Pflugs erlebbar gemacht wird, außerdem wurden die Dokumente und Bücher seiner Sammlung digitalisiert.

Die Digitalisierung der Sammlung Julius Pflug konnte dank der großzügigen Unterstützung der Familie Gloria und Dr. Georg Holzhey und Ernst Albert Naether ermöglicht werden.

Weitere Projekte des Reformationsportals Mitteldeutschland sind das Digitale Archiv der Reformation (DigiRef), der Unterricht der Visitatoren (UdV), die Sammlung Georg Rörer, die Eisenacher Flugschriften und die Bibliotheca Electoralis.

Zum Portal

Das Restaurierungsprojekt

Um die bedeutende Sammlung weiter nutzbar zu machen und für die Nachwelt zu erhalten, sind dringend Konservierungsarbeiten notwendig. Mit der Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) konnten diese umfangreichen Arbeiten beginnen. Dazu wurden die Schadensbilder der Bücher vom Historiker Joachim Säckl (Naumburg) beschrieben, Zielvorgaben zur Restaurierung definiert und zusammen mit Gerd Winter (Zeitz) für die Arbeit der Restauratoren vorbereitet. Sie übernahmen die eigentlichen Konservierungsarbeiten. Anschließend sollen die Bücher digitalisiert werden, um sie für die Öffentlichkeit und die Forschung besser zugänglich zu machen.

Die Schadensbilder, die die Bücher aufweisen, sind äußerst unterschiedlich. Sie reichen von mechanischen Schäden an den Leder-Einbänden bis hin zu teils substanzgefährdeten Schäden am Buchblock. Deswegen wurden 2018 die einzelnen Bände bereits vorgereinigt, verschubert und neu aufgestellt.

Kosten:

Ca. 255.000 € (Eigenmittel und Fördermittel) für 2019 und 2020

Das Projekt wird gefördert durch:

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK)

Ernst Albert Naether
Familie Gloria und Dr. Georg Holzhey